Samstag, 26. September 2009

Heute habe ich zwei Selbstverteidigungskurse gegeben, einen für Jungs und einen für Mädchen. In der Vorstellungsrunde frage ich immer, warum die Kinder sich für den Kurs angemeldet haben. Heute waren wieder viele Mädchen dabei, die lernen wollten, sich gegen die Jungen in ihrer Klasse zur Wehr zu setzen, wenn sie von ihnen geärgert werden. Dabei dachte ich, dass sich in den letzten Jahrzehnten wirklich das Selbstbewusstsein der Mädchen verbessert hat. Sie wollen sich wehren und ihre Mütter unterstützen sie dabei.
Und die Jungen können eingestehen, dass sie auch keine Gewalt mehr wollen, dass sie unter Schikanen leiden.
Noch vor sechzig Jahren war das völlig anders, da mussten Jungs immer Kerle sein und da gab es für Frauen und Mädchen, die geschlagen wurden, keine Stelle, an die sie sich wenden konnten, geschweige denn Selbstverteidigungdkurse. Die meisten Schläge setzte es zu Hause. Der Vater war der unumschränkte Herrscher. Frauen, die von ihren Ehemännern schwer misshandelt wurden, fanden keine Hilfe, weder in der Familie, noch bei der Kirche, noch bei Behörden. Niemand wollte sich in den so genannten "häuslichen Frieden" einmischen. Das Heim des Mannes war seine Burg. Es gab auch noch keine Frauenhäuser als letzte Zuflucht. Kein Entkommen und dazu kein Einkommen, denn Ehefrauen durften nur mit dem Einverständnis ihres Ehemannes arbeiten und Geld verdienen und er konnte, wenn es ihm nicht passte, jeden Arbeitsvertrag, den sie eingegangen war, alleine kündigen.
Barabara Walker schreibt in ihrem Buch "Das geheime Wissen der Frauen" auf Seite 196:
"Die patriarchalische Gesellschaft war von Grund auf unnatürlich, eine Umkehrung der biologischen Autorität der Frau über ihre Angehörigen.
Der ökonomisch denkende Mann handelt im perfekten Eigeninteresse; eine Frau kann ihre Beziehungen in der Familie nicht auf dem Prinzip des quid pro quo (Gegenseitigkeit) gründen: sie gibt. Von einer maskulinen Perspektive aus gesehen scheint es so, als wäre die Frau die primitivere Version eines Mannes - nicht weil es einen prima facie (offensichtlichen) Beweis ihrer geringeren Intelligenz gäbe, sondern wegen ihrer liebenden und gebenden Natur, die er als Beweis niedrigerer Intelligenz auffasst."
Kommt mir antiquiert vor, wenn ich das lese, anderereits höre ich in meinen Kursen immer wieder schlimme Geschichten.
Zum Beispiel hatte ich vor einigen Jahren ein zehnjähriges Mädchen aus einem SOS-Kinderdorf in meinem Kurs, das in der Vorstellungsrunde sagte, es wolle sich wehren können, weil es mit ansehen musste, wie sein Vater seine Mutter umbrachte, die sich nicht wehren konnte. Das sollte ihr auf keinen Fall passieren.
Die Polizei vermutet, dass die Dunkelziffer häuslicher Gewalt sehr hoch ist, denn immer noch fühlen sich die Frauen mitschuldig und schämen sich, die Erniedrigung einzugestehen.
Viele mutige Frauen haben mit Unterstützung einiger Männer erkämpft, dass vor einigen Jahren endlich ein Gesetz erlassen wurde, das der Polizei erlaubt, prügelnden Ehemännern den Zutritt zur eigenen Wohnung zu verbieten.
Die Burgen der Patriarchen brökeln - auch ein Schritt zum Goldenen Zeitalter

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